Allversöhnung

Die Allversöhnungslehre ist besonders in Süddeutschland sehr verbreitet. Es handelt sich hierbei um eine Lehre, die rein menschlich gesehen durchaus verständlich ist. Welcher ernsthafte Christ wünscht sich denn, dass irgendein Mensch verloren geht? Selbst Gott will ja, dass alle Menschen gerettet werden (1. Timotheus 2, 4). Aber gilt das auch für diejenigen, die Gottes Retterwillen ablehnen? Das ist die entscheidende Frage.

Die Lehre der Allversöhnung oder des Universalismus stellt sich so dar: Weil Gott Liebe ist, wird Er schließlich alle Menschen erretten – am Ende womöglich sogar Satan und die Dämonen. Ferner – so wird behauptet – könnten die Erlösten im Himmel nicht selig sein, wenn sie daran denken, dass andere verdammt sind und ohne Ende in der Feuerhölle schmoren. Die Theosophie („Gottesweisheit“) ist durch Origines aus dem alexandrinischen Religionsbereich Ägyptens in das Christentum im 3./4. Jahrhundert eingedrungen.

So schreibt zum Beispiel der schwäbische Theosoph Johann Michael Hahn, auf den die Hahnschen Gemeinschaften in Württemberg zurückgehen:

Nein, es wird endlich kein Tod, keine Hölle, kein Feuersee, kein Satan und Belial mehr sein; denn so lange das alles ist, kann Gott nicht selbst Alles in Allem sein. Wenn aber Tod, Teufel und Hölle und also alles Böse nicht mehr ist, wo ist es denn hingekommen? Ist es dann vernichtet und so aufgelöst und aufgehoben, dass es gar nicht mehr existiert und ist? – Nein! So nicht. Sondern es ist durch den Wiederbringer und die Wiederbringungs-Anstalten herwiederbracht. Das Kranke ist gesund und geheilt, das Tote lebendig gemacht worden; der Rebellen sind nun keine mehr; selbst der Allerärgste, also der letzte Feind ist aufgehoben. (Zitiert nach: Stroh W. F., Die Lehre des württembergischen Theosophen Johann Michael Hahn, systematisch entwickelt und in Auszügen aus seinen Schriften dargestellt, Stuttgart 1936, S. 577).

Hahn lehrt also, dass auch der Teufel am Ende noch mit Gott versöhnt wird und dann nichts Böses mehr existiert. Alles wird durch „äonische Läuterungsgerichte“ hindurch in das Gute hinein verwandelt. Einer meiner Bekannten, der diese Lehre vertritt und den ich gefragt habe: „Kannst du dir wirklich vorstellen, mit Satan, Hitler und Stalin zusammen im Himmel zu sein?“, hat mir geantwortet: „Ja, Gott wird sein Alles in Allem. Aber wenn ich im Himmel schon ganz oben bin, dann sind die noch ganz unten.“ Wir merken also: Bei der Theosophie mit ihrer Allversöhnung steckt die Lehre der Evolution in den geistigen Welten dahinter – die Höherentwicklung der Menschheit hin zum „Kosmos der Liebe“. Diese Vorstellung findet sich bei christlich geprägten Theosophen wie Johann Michael Hahn, Friedrich Christoph Oetinger, Theodor Böhmerle, Adolf Heller und Heinz Schumacher, aber ebenso bei Esoterikern und Sektierern wie Helena Petrovna Blavatsky, Rudolf Steiner, Anselm Grün oder Ivo Sasek. Nach deren Vorstellung gibt es am Ende keine Verdammten mehr. Die Hölle sei leer. Auch bei modernen Evangelikalen setzt sich diese angenehme Lehre immer mehr durch, etwa durch Bücher von Rob Bell und anderen.

Eine andere Form der Allversöhnung vertritt der vom Calvinismus geprägte Theologieprofessor Karl Barth, der durch seine Lehren großen Einfluss auf weite Teile der Theologen und Pfarrerschaft („Barthianer“) ausgeübt hat. Auch die Bewegung der Emerging Church wurde durch ihn beeinflusst. Er war wohl der bedeutendste Theologe im 20. Jahrhundert, aber leider kein bibeltreuer Mann. Barth führt aus, dass durch das stellvertretende Sühneopfer Jesu Christi alle Menschen mit Gott versöhnt seien, da Er die Verwerfung und das Gericht auf sich geladen hat. Dadurch aber sei kein Nicht-Christ – und zwar

kein einziger unter ihnen, und wenn er sich als der erbittertste und verstockteste Gottlose gäbe und gebärdete“ – zur „Geistlosigkeit“ verurteilt. Vielmehr kann „keine Abwendung, keine Revolte und Resistenz und Ungebühr des Nicht-Christen etwas ändern, dass auch er in der von Gott gut, nämlich als äußerer Grund des Bundes und so auch zu seinem Heil geschaffenen – mehr noch: in der in Erfüllung dieses Bundes, in Vollstreckung der Erwählung, in der auch er erwählt ist, in Jesus Christus versöhnten Welt, dass auch er als ein mit Gott Versöhnter existiert“. Der Geist „ist auch ihm verheißen. Er ist nicht einfach nicht sein Empfänger, Träger und Besitzer: er ist es noch nicht, indem er Jesus Christus noch nicht erkennt. (Karl Barth, Kirchliche Dogmatik IV/3, S. 410.)

Weil also – so Barth – in Christus alle verworfen und erwählt worden sind, werden schließlich auch alle gerettet. Sie haben es nur noch nicht erkannt. Also gilt es, das Erwählungshandeln Gottes in der Welt bekannt zu machen. Man muss den Leuten sagen: „Du bist schon in Christus erwählt. Du musst nur noch erkennen, dass du schon ein gerettetes Gotteskind bist.“ Was aber geschieht mit denjenigen, welche die Heilsbotschaft nicht erreicht oder die sich ihr gegenüber verschließen?

Sie existieren nach Barths Lehre dennoch als mit Gott Versöhnte. Eine ewige Verdammnis gibt es folglich für sie nicht. Damit aber hat Barth der Mission im biblischen Sinn, der es um die Errettung solcher Menschen geht, die ohne die Heilsbotschaft von Jesus Christus verlorengehen, die Spitze abgebrochen. Diese Lehre hat weite Teile der Pfarrerschaft beeinflusst. Das sind dann die „Geistlichen“, die auf den Friedhöfen bei Beerdigungen sagen: „Er darf schauen, was er geglaubt hat“, obwohl der Verstorbene vielleicht nie in einem Gottesdienst gesehen wurde.

Diese Auffassung jedoch ist ein frommer Wunschtraum. Thomas Zimmermanns bemerkt zur Allversöhnungslehre in ihren unterschiedlichen Schattierungen grundsätzlich Folgendes:

Die Allversöhnungslehre ist mit zahlreichen Bibelstellen nicht zu vereinbaren, die eindeutig nicht nur von einer ewigen Seligkeit der Erretteten bei Gott sprechen, sondern auch von einer ewigen Verdammnis der im Weltgericht Verurteilten (vergl. z.B. Mt 3,12; 25,41; Mk 9,43 ff., Jud 7 [ewiges Feuer]; Mt 25,46 [ewige Pein]; Hebr 6,2 [ewiges Gericht]; 2. Thess 1,9 [ewiges Verderben]). Schon Daniel sagt in Dan 12,2 über die Auferstehung, dass die einen zum ewigen Leben aufwachen werden, die anderen aber zu ewiger Schmach und Schande. Es ist nun bereits sprachlich ausgeschlossen, dass ´ewig` im Zusammenhang mit der Seligkeit tatsächlich ´ewig` im Sinne von ´endlos` bedeuten soll, im Zusammenhang mit der Verdammnis dagegen nur einen sehr langen Zeitraum.
´Wenn die Spreu verbrannt wird mit ewigem Feuer (Mt 3,12), wenn Er (Jesus Christus; Th.Z.) feierlich dreimal bezeugt, dass der Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht verlischt bei den Gottlosen (Mk 9,43 ff.) (heißt das etwa: so lange, bis es der kluge Menschenverstand ausbläst?), ist da unsere Vernunft wirklich berechtigt, ein Fragezeichen neben solche Stellen zu machen?` (Heinrich Coerper). (Thomas Zimmermanns, Artikel „Allversöhnung“, in: Lothar Gassmann (Hrsg.), Kleines Theologie-Handbuch Band 1, Schacht-Audorf 2008, Seite 10.)

Im 2. Korintherbrief 5, 16-19 – einer Stelle, die oft für die Allversöhnung herangezogen wird – steht geschrieben:

2. Korintherbrief 5, 16-19
So kennen wir denn von nun an niemand mehr nach dem Fleisch; wenn wir aber auch Christus nach dem Fleisch gekannt haben, so kennen wir Ihn doch nicht mehr so. Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden! Das alles aber [kommt] von Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Jesus Christus und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat; weil nämlich Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte, indem Er ihnen ihre Sünden nicht anrechnete und das Wort der Versöhnung in uns legte.

So weit – könnte man vielleicht behaupten – entspricht es der Allversöhnung, aber jetzt geht es weiter. Wir müssen immer den Kontext berücksichtigen und dürfen keine Stellen aus dem Zusammenhang reißen:

 

2. Korintherbrief 5, 20.21
So sind wir nun Botschafter für Christus, und zwar so, dass Gott selbst durch uns ermahnt; so bitten wir nun stellvertretend für Christus: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn Er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm [zur] Gerechtigkeit Gottes würden.

 

Die Grundlage zur Versöhnung ist einerseits gelegt, gleichzeitig kommt dann aber als Aufruf und Appell: Lass dich versöhnen! Hier gibt es keinen Automatismus.

Es wird keiner zu etwas gezwungen, was er zu Lebzeiten abgelehnt hat. Der Teufel wird auf keinen Fall von Gott in den Himmel gezwungen. Er hat sich ja von Gott losgesagt – und der Eintritt in den Himmel wäre gegen seinen Willen. Auch Hitler hat sich bestimmt nicht den Himmel der Bibel, die er mit dem ihm so verhassten Judentum identifizierte, vorgestellt. Es wird keiner zu seinem Heil gezwungen.

Gottes Erwählungshandeln und des Menschen Bekehrung – beides geschieht zusammen. Der Mensch, nicht als willenlose Marionette erschaffen, hat die Möglichkeit, auf Gottes Gnadenangebot mit „Ja“ oder „Nein“ zu reagieren, was keinerlei Hinzufügung zum vollbrachten Heilswerk Gottes ist. Wer die vollbrachte Versöhnung am Kreuz auf Golgatha ablehnt, ist nicht automatisch befriedet mit Gott, wie Er sich in der Heiligen Schrift geoffenbart hat. Aber wenn wir Jesu Opfer auf Golgatha annehmen, nehmen wir das 100% von Ihm für uns vollbrachte Erlösungswerk an. Dazu sind wir aufgerufen und durch Gottes Retterwillen ermächtigt, aber nur zu Lebzeiten auf der Erde. Wäre es anders, dann würde nicht so oft in der Bibel stehen:

Bekehre dich“, „Kehre um“ und „Lasset euch versöhnen mit Gott“!

Die Allversöhnungslehre kann aufgrund dessen ein sehr trügerisches Ruhekissen sein, nachdem überdies eine allgemeine Bekehrung im Jenseits als eine sehr fragliche Lehrauffassung so in der Bibel nicht zu finden ist. Die Stelle 1. Petrus 3, 19-20 meint vom Textzusammenhang her nur die Generation zur Zeit Noahs.)

Lothar Gassmann

Quelle: http://hauszellengemeinde.de/drei-betaeubungsmittel-fuer-die-endzeitliche-christenheit/