Leben findet man nur, indem man es verliert


Otto Stockmayer


Es ist ein Grundgesetz der geistlichen Welt, dass man sein Leben nur findet, indem man es verliert. Als Kinder Gottes ist uns ein Erbe versichert, dessen Reichtum und Herrlichkeit alles Denken übersteigt und das unverwelklich droben auf uns wartet. Eben dadurch sind wir aber für dies gegenwärtige Leben Fremdlinge geworden, die darin nichts mehr zu suchen, zu erwarten oder zu fürchten haben. Wer darum zu einem Leben ununterbrochener Gemeinschaft mit Gott, zu einem steten Bleiben in Jesus gelangen will, der sucht dabei nicht das eigene Leben, auch nicht im geistlichen Sinne. Er suche beim Herrn nicht geistlichen Genuss und innere Befriedigung. Er sehe ab von sich selbst, um in reinem, uneigennützigen Dienen einzig nur die Wünsche und Interessen seines Herrn ins Auge zu fassen. Sein Herr sorgt dann für ihn im Geistlichen wie im Leiblichen. Er gibt seinen Schafen Leben und volles Genüge. Wer seine Befehle erfüllend, Ihm dient, den behandelt er als Freund, dem offenbart Er sich selbst, Gott zu erkennen und Jesus Christus, den er gesandt hat. Sein Dienst ist Leben und Seligkeit.

Wer dies einmal erfasst hat, der hat nur noch ein Verlangen, dass der Herr ihn gebrauche, wie und wann Er will. Er denkt nicht mehr daran, sich seine Tätigkeit selbst auszuwählen. Er fragt nicht, wozu er sich hingezogen fühlt, wozu er eine Vorliebe hätte; ohne dem Spiel seiner Einbildung Raum zu geben, ohne nach hohen und außerordentlichen Dingen zu trachten, arbeitet er treu, da wo ihn der Herr hinstellt. Der Wert und die Bedeutung einer Tätigkeit liegen ja nicht in der äußeren Natur, sondern im Geist, in dem man sie treibt, dass man nämlich alles im Namen und zur Ehre Gottes tut, aus Liebe zu seinem Herrn und Heiland. An Haushaltern sucht der Herr nicht mehr, denn dass sie treu erfunden werden (1Kor 4,2).

Lebt der Gerechte des Glaubens, so dient er auch im Glauben. Im Glauben hat er gelernt, nicht mehr hinter seinem Hirten zurück zu bleiben; im Glauben lernt er Ihm nicht mehr voraus zu eilen; er lässt sich erst zubereiten für den Dienst, der ihm zugedacht ist. Was den wahren Knecht kennzeichnet, ist nicht nur brennender Eifer, sondern vorerst geduldiges Warten. Wer sich nicht in der Stille langsam zubereiten lässt, gleicht einem Baum, der unreife Früchte trägt oder gar zusammen bricht unter der Last von Früchten, die er noch nicht reif und stark genug ist zu tragen. In Gottes Haushaltung ist alles so eingerichtet, dass die Früchte den Lebenssaft des Baumes nicht nur aufzerren, sondern ihn erneuern und vermehren. Ein Arbeiter in des Herrn Weinberg, der recht steht und im Geiste dient, lebt von seinem Dienste; er zieht daraus Wachstum und Gedeihen für sich selbst, für seinen eigenen inwendigen Menschen. Wenn der befohlen hat, dass, die das Evangelium verkünden, sich vom Evangelium nähren (1Kor 9,14), so gilt dies nicht nur für ihre leiblichen, sondern auch für ihre geistlichen Bedürfnisse.

veröffentlicht von Georg Walters Telegram-Kanal am 03.04.2026