Die nachfolgende zitierte Schrift von Rudolf Brockhaus, die bereits im Jahr 1908 verfasst wurde, ist im Jahr 2024 wieder sehr aktuell. Denn in diesen Tagen gibt es das gleiche Problem. Es wird erneut die alte Broschüre "Gethsemane, ein Blick ins Heiligtum" von Pfarrer K. Huhn als Neuauflage weit verbreitet. Und ebenso wie vor 116 Jahren gibt es durch diese Schrift von K. Huhn viel Verwirrung über den Gebetskampf unseres Herrn Jesus im Garten Gethsemane. Für alle, die Antworten suchen, soll nachstehende Ausführung eine Hilfe werden, denn nachstehende Auslegung von Rudolf Brockhaus geht auf die wesentlichen Inhalte diese Broschüre sehr ausführlich ein. 

 

Eine weitere kürzere, aber ebenso sehr gute Rezension von Br. Johann Hesse gibt es auf der Seite des Gemeindenetzwerkes zu lesen

Titel: "Rang Jesus im Garten Gethsemane mit dem Tod?"


Gethsemane

Rudolf Brockhaus

 * 13. Februar 1856 in Elberfeld; † 19. September 1932 ebenda

 

Vorwort

 

Der Kampf des Herrn in Gethsemane mit den Ihn begleitenden erschütternden und herzbewegenden Umständen ist von jeher ein Gegenstand eingehender Untersuchung gewesen. Er hat mit Recht das Interesse aller Schriftforscher erregt und zu vielen Erörterungen Anlass gegeben, deren Ergebnisse sich indes vielfach widersprechen. Durch eine in christlichen Kreisen weit verbreitete Schrift, die den geheimnisvollen Vorgang im Garten Gethsemane in Verbindung mit den Worten des Apostels in Heb 5,7–9 behandelt,1 ist die Frage wieder mehr in den Vordergrund gerückt worden und beschäftigt von neuem Tausende von Christenherzen. Viele sind durch die Ausführungen des Verfassers in hohem Grade befriedigt, andere in demselben Maße beschwert worden. Die nachstehende Betrachtung soll nun nicht eine Widerlegung jener Schrift sein. Der Schreiber fühlt sich vielmehr durch die Liebe zu seinem Herrn und das Interesse für seine Mitgläubigen gedrängt, niederzuschreiben, was sein Herz bewegt. Es geschieht in dem tiefen Bewusstsein aller menschlichen, und vor allem der eigenen völligen Unzulänglichkeit, einen solchen Gegenstand gebührend oder gar erschöpfend behandeln zu können. Der Schreiber ist durchaus einverstanden mit dem Verfasser oben genannter Schrift, dass der Boden von Gethsemane in ganz besonderer Weise „heiliges Land“ ist, das von dem Menschen nur in tiefster Ehrfurcht mit unbeschuhten Füßen betreten werden darf. Ja, mehr noch: Weil es sich um die Person unseres hochgelobten Herrn und Heilandes, des Bildes des unsichtbaren Gottes, „Gott geoffenbart im Fleische“, handelt, wohnen dem Vorgang in Gethsemane Höhen und Tiefen inne, die nur von dem Auge und Herzen Gottes, der allein „den Sohn erkennt“, ausgemessen werden können. In Anbetracht dessen ist auch mit Recht bemerkt worden, dass das Verständnis der Vorgänge in Gethsemane und vor allem einer Schriftstelle, wie Lukas 22,44, weit mehr von dem geistlichen Herzenszustand des Betrachtenden abhinge, als durch Auslegung seitens anderer vermittelt werden könne.

 

1 „Gethsemane, ein Blick ins Heiligtum“, von Pfarrer K. Huhn, mit einem Vorwort von Otto Stockmayer.

 

  

Jesus wahrhaftiger Gott und wahrhaftiger Mensch

„Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicherweise an denselben teilgenommen, auf dass er durch den Tod den zunichte machte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel.“ (Heb 2,14)

 

Im Verfolg des im Vorwort Gesagten wird der Leser es gerechtfertigt finden, wenn wir uns vor Eintritt in unseren eigentlichen Gegenstand ein wenig mit der Person unseres Herrn beschäftigen. Kein Vorgang in Seinem Leben, vor allem nicht ein so ernster und wichtiger wie der genannte, kann richtig verstanden und beurteilt werden, solange irgendwelche Unklarheit über Seine Person in der Seele besteht. Darum ging auch von Anfang an das Bestreben des Feindes dahin, die Herzen der Gläubigen im Blick auf die anbetungswürdige Person unseres Herrn zu verwirren und allerlei falsche Vorstellungen in ihnen wachzurufen. Wie es Zweck und Absicht des Heiligen Geistes ist, Ihn zu verherrlichen, so ist es Zweck und Absicht des Feindes, Seine Herrlichkeit vor den Augen der Menschen zu verdunkeln. Wie gewaltig seine Anstrengungen in dieser Beziehung gerade in unseren Tagen sind, ist jedem treuen Christenherzen schmerzlich bekannt. Satan findet seine Diener und Werkzeuge nicht nur in den Reihen der offenbar Ungläubigen, sondern auch (obgleich diesen selbst unbewusst) unter solchen, die noch an der Wahrheit der „Schriften“ und der Göttlichkeit der Person Christi festzuhalten bekennen. Es ist darum eine heilige Pflicht und eine tiefe Freude aller, die es treu mit ihrem Bekenntnis zu Christo meinen, immer und immer wieder, so oft Gott Gelegenheit dazu gibt, für ihren Herrn Zeugnis abzulegen und in Wort und Schrift Sein Bild genau so festzuhalten, wie Gottes heiliges Wort es uns darstellt.

Jesus ist wahrhaftig Gott und wahrhaftig Mensch in einer Person, der Abglanz der Herrlichkeit Gottes, der Abdruck Seines Wesens (Heb 1,3). Die Verbindung von Gottheit und Menschheit in Ihm ist ein unbegreifliches, unerklärliches Geheimnis. „Anerkannt groß ist das Geheimnis der Gottseligkeit: Gott ist geoffenbart worden im Fleische usw.“ (1. Tim 3,16). „Das Wort ward Fleisch“ (Joh 1,14). Christus ist Mensch geworden, Er hat teilgenommen an „Blut und Fleisch“ (Heb 2,14), aber nicht so, als habe Er unsere sündige Natur angenommen, als sei Er „unser Bruder“ geworden2, oder als habe Er, indem Er

 

2 Ist es nicht überhaupt schon unehrerbietig, Christum „unseren Bruder“ zu nennen, selbst wenn man nicht dem ganz verkehrten Gedanken Raum gibt, dass Er durch Seine Menschwerdung in dieses Verhältnis zu uns eingetreten sei? Er schämt sich nicht (und wohl gemerkt: erst nach Seiner Auferstehung, im Blick auf das ganz neue Verhältnis zum Vater, in welches Er die Seinen bringen wollte), uns Seine Brüder zu nennen. Aber sollten wir unseren erhabenen Herrn, das Haupt Seines Leibes, der „in allen Dingen den Vorrang“ haben muss, je so nennen? Die Schrift tut es nie, und ein geistliches Herz fühlt unwillkürlich, dass es ungeziemend ist. – Den Titel „Bruder“ nun gar auf Sein Verhältnis zu uns als der Menschgewordene, vom Weibe Geborene, anzuwenden, ist ganz und gar schriftwidrig. Jesus sagt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ (Joh 12,24). Er stand als Mensch auf dieser Erde ganz allein. Eine Verbindung mit einem lebenden Christus, eine Vereinigung zwischen Heiligem und Unheiligem, war unmöglich. Sie konnte nur auf Grund Seines Todes geschlossen werden. Nur so konnten wir geheiligt, nur so konnten viele Söhne zur Herrlichkeit gebracht werden (Heb 2,10).

 

 

Mensch wurde, aufgehört Gott zu sein. Nein, der Engel Gabriel sagt zu Maria bei der Ankündigung Seiner wunderbaren Geburt: Das Heilige, das geboren werden wird, wird Sohn Gottes genannt werden“ (Lk 1,35). Und Gott selbst spricht zu Ihm, dem Menschgewordenen, in der Zeit Geoffenbarten: „Du bist mein Sohn; heute habe ich dich gezeugt“ (Heb 1,5). So war Jesus wirklich und wahrhaftig Mensch, geboren von einem Weibe, Marias Sohn. Aber Er war zugleich wirklich und wahrhaftig Gott, als Mensch von Gott gezeugt, Gottes Sohn.

Aus diesem Grunde ist es für niemand möglich, den Sohn zu erkennen, außer für Gott allein. Kein Mensch, kein Engel kann diese geheimnisvolle Vereinigung von Menschheit und Gottheit in Christo verstehen oder ergründen. Sie ist unerforschlich, ein Gegenstand des Glaubens, nicht der Erkenntnis. Wer sie ergründen und erklären will, gerät unfehlbar auf Irrwege. Wenn es sich um die Erkenntnis des Vaters handelt, so fügt Jesus dem: „Niemand erkennt den Vater, als nur der Sohn“, hinzu: „und wem irgend der Sohn Ihn offenbaren will“. Aber wenn es sich um Ihn, den Sohn, handelt, wie Er hienieden geoffenbart war, so vermag niemand Ihn zu erkennen, als Gott allein. Er ist uns auch nicht zu diesem Zweck gegeben, sondern, gleich dem Manna in der Wüste, zum Genuss, zur Speise unserer Seelen, als Gegenstand unseres Glaubens, unserer demutsvollen Betrachtung und vor allem unserer Anbetung.

 

 

Nur wenn wir diese Wahrheit festhalten und in heiliger Ehrfurcht beachten, können wir das Reden und Wirken unseres Herrn auf dieser Erde verstehen und mit wahrem Nutzen verfolgen, während wir im entgegen gesetzten Falle vor tausend ungelösten Rätseln stehen und zu zahllosen verkehrten Schlüssen und Auslegungen kommen. Niemals, selbst nicht in den Zeiten Seiner tiefsten menschlichen Erniedrigung, fehlt das Zeugnis von Seiner wahren Gottheit. Er war und blieb in allen Lagen und unter allen Umständen Er selbst, Gott geoffenbart im Fleische, und der erneuerte Sinn sucht mit Fleiß nach solchen Zeugnissen, und das Auge des Glaubens betrachtet sie mit himmlischer Freude. Der Geist Gottes hat auch mit eifersüchtiger Sorge darüber gewacht, dass die mannigfaltigen Herrlichkeiten der Person Christi, die verschiedenen Seiten Seines Charakters und Wesens, Seiner göttlichen und menschlichen Natur, in den Schriften des Neuen Testaments immer wieder zur Darstellung gekommen sind.

 

 

Es ist bekannt, dass jeder einzelne der vier Evangelisten Jesum von einem besonderen Gesichtspunkt aus betrachtet. Jeder behandelt seinen Gegenstand unter der Leitung des Heiligen Geistes in einer ihm eigentümlichen Weise. Wie einst im Alten Bunde das „Räucherwerk“ aus drei verschiedenen Arten wohlriechender Gewürze und aus geläutertem Weihrauch hergestellt werden musste (vgl. 2. Mose 30,34–38), so hat es Gott gefallen, uns in den vier Evangelien ein Gesamtbild von der Person Seines geliebten Sohnes zu geben: jeder einzelne Teil wohlriechend und kostbar, vollkommen in sich selbst, und doch erst in Verbindung mit den anderen ganz an seinem Platze. Obwohl ich befürchten muss, bereits Bekanntes zu sagen, möchte ich doch, weil wichtig für unseren Gegenstand, kurz daran erinnern, dass Matthäus uns vornehmlich Christum als den Messias, den Sohn Davids, den Erfüller aller dem Volke Israel gegebenen Verheißungen, vor Augen stellt, dass Markus Ihn als den vollkommenen Diener, den Propheten Gottes, betrachtet, während Lukas den Sohn des Menschen beschreibt, und Johannes durchweg Seinen Charakter als Sohn Gottes hervorhebt. Daher in Matthäus die vielen Hinweise auf die Erfüllung alttestamentlicher Prophezeiungen, die ausführliche Mitteilung der Grundsätze des Reiches in der so genannten Bergpredigt, die Entwicklung des Charakters dieses Reiches nach der Verwerfung des Königs (Kap. 13), der Empfang als „Sohn Davids“ in Jerusalem

 

 

 

(Kap. 21, 9. 15) u. a. m.; – in Markus das Fehlen jeglichen Geschlechtsregisters samt der Geschichte der Geburt und Jugend Jesu, das Hervortreten des unermüdlichen Dienstes Christi als Prophet und Diener3, als Träger des Wortes und Prediger des Evangeliums („Anfang des Evangeliums Jesu Christi“ sind die charakteristischen Worte, mit denen Markus seinen Bericht einleitet); – in Lukas die eingehende Beschreibung der Menschwerdung Christi, Seiner Jugend, Seines Heranwachsens („Er nahm zu an Weisheit und an Größe, und an Gunst bei Gott und Menschen“), die Zurückführung des Geschlechtsregisters bis auf Adam, die häufige Erwähnung des Betens Christi, als Ausdruck Seiner Abhängigkeit von Gott, der besondere Bericht über Gethsemane, der sich so wie hier nirgendwo findet; – in Johannes das Bestehen Christi, des ewigen Wortes, vor dem Beginn aller Dinge, mit Auslassung der Geburtsgeschichte und der Einführung des Herrn in Seinen Dienst, die Erzählung mehrerer in den anderen Evangelien fehlender Wunder (wie die Auferweckung des Lazarus), in denen Seine göttliche Macht sich besonders offenbarte, das gänzliche Fehlen des Berichtes über Gethsemane und das Verlassensein von Gott auf dem Kreuze u. v. a.

 

 

Selbstverständlich sind in dem Vorstehenden nur einige wenige charakteristische Unterscheidungs- punkte erwähnt. Ein aufmerksamer Leser der Evangelien wird auf jeder Seite neue finden, aber er wird auch mit tiefem Staunen und anbetender Bewunderung die Entdeckung machen, wie göttlich genau ein jeder der vier Evangelienschreiber seinen Auftrag zur Ausführung gebracht hat, wie alles, was er berichtet, von Anfang bis zu Ende dem Charakter entspricht, den der Heilige Geist seiner Erzählung geben wollte. O, wenn die Erklärer der Evangelien nur mehr Rücksicht nehmen wollten auf die Absichten des Heiligen Geistes, wenn sie mit mehr Einfalt und Entschiedenheit festhalten möchten an der göttlichen Eingebung des Geschriebenen – wie viele Schwierigkeiten und scheinbare Widersprüche würden vor ihren Augen verschwinden, ja, sich in ebenso viele herrliche Beweise von der göttlichen Harmonie des Wortes umwandeln! Eine tiefere Ehrfurcht vor der Person des Sohnes Gottes würde auch wohl manche unbeabsichtigte, aber deshalb nicht weniger ernste und schmerzliche Verunglimpfung dieser anbetungswürdigen Person hingehalten haben.4 Der Geist

 

 
   

 

 

3 Die Worte des Herrn in Mk 13,32, die zu so manchen falschen Auslegungen Anlass gegeben haben: „Von jenem Tage aber oder der Stunde weiß niemand, weder die Engel, die im Himmel sind, noch der Sohn, sondern nur der Vater“, stehen in völligem Einklang mit dem Charakter des Evangeliums. Der Herr will einfach sagen, dass Ihm als Prophet und Diener, so wie Markus Ihn darstellt, der Zeitpunkt der Erscheinung jenes Tages verborgen sei. Die Folgerung, die man aus dieser Stelle gezogen hat, als sei der Sohn Gottes hienieden nicht allwissend gewesen, ist ganz und gar verkehrt und läuft tatsächlich auf die Leugnung der Gottheit Christi hinaus. Man vergisst eben immer wieder, dass in Ihm beide Naturen, Gottheit und Menschheit, in unbegreiflicher Weise vereinigt waren, und dass das Menschliche in Ihm wirklich menschlich, das Göttliche wirklich göttlich war. Man teilt zugleich das Wort Gottes nicht recht, indem man die einzelne Stelle, den einzelnen Ausspruch, nicht betrachtet in Verbindung mit dem ganzen Buche und dem Zweck des Heiligen Geistes in ihm.

4 Wie weh tut es z. B., wenn man im Blick auf den Herrn Worte liest wie die folgenden: „Er lernte, auch ohne Einblick in

des Vaters Absichten, Ihn walten zu lassen, in dem lichtlosen Dunkel dem Vater zu folgen, alle Vernunft gefangen zu geben unter den Gehorsam gegen die Führung Gottes“; oder: „Am Kreuze war volle Klarheit der Lage für Ihn vorhanden, mag Er doch selbst, wenn Er Psalm 22 gelesen hatte, in dem Ausruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ einen Wink gefunden haben für einen Schmerz, auf den auch Er sich werde gefasst zu machen haben“; oder: „O, wer kann nachfühlen, was für eine Perspektive in ewige Nacht hinein unter dem Todeskampf und Schweiß sich vor Ihm auftat!“ oder: „Es scheint auch, dass es kein spezielles geschriebenes Gotteswort gab, welches Ihm diese Lage erklärte, so daß Er sich daran zurechtfinden konnte“. – Das ist nicht mehr der Christus des Wortes Gottes. Das heißt nicht, das wunderbare Geheimnis von der Person des Sohnes Gottes im Glauben und in einem anbetenden Geiste bewahren und Seine Gottheit und Menschheit unverletzt, in ihrer vollkommenen Harmonie, aufrecht halten.

 

 

und die Gesinnung eines Simeon tut uns Not, der, das Kindlein Jesus (ein Bild der Schwachheit) in seinen Armen haltend, ausrief: „Nun, Herr, entlässest du deinen Knecht, nach deinem Worte, in Frieden; denn meine Augen haben dein Heil gesehen, welches du bereitet hast vor dem Angesicht aller Völker“, und der wohl den Vater und die Mutter Jesu segnete, aber kein Wort des Segens über das Kindlein selbst aussprach. Und doch wäre das nach menschlicher Meinung so natürlich gewesen.

 

 

Wir haben weiter oben gesagt, dass selbst in den Zeiten der tiefsten menschlichen Erniedrigung Jesu niemals das Zeugnis von Seiner wahren Gottheit fehlte. Greifen wir aus den vielen einige wenige Beispiele heraus. Eins haben wir, abgesehen von dem Zeugnis des Engels bei der Geburt Christi, bereits erwähnt: das Verhalten Simeons bei der Darstellung Jesu im Tempel. Ein zweites, höchst bedeutsames finden wir bei der Taufe Jesu durch Johannes. Der Herr kommt zu dem Propheten, um sich von ihm taufen zu lassen und so Seinen Platz zu nehmen unter dem verachteten Überrest Israels, der sich dem Worte Gottes unterwarf und Gottes gerechtes Gericht über den Zustand des Volkes anerkannte. Welch eine Erniedrigung, zu der sich Jesus freiwillig, aus Gnaden, bereit finden lässt! Johannes, in Anerkennung der Würde der Person Jesu, weigert sich, Seinen Wunsch zu erfüllen, aber der Herr besteht darauf, Seinen Platz unter den Geringsten der Herde einzunehmen. „Lass es jetzt so sein“, sagt Er, „denn also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen“. So verbindet Er sich in wunderbarer Herablassung auch mit Johannes: „es gebührt uns“, und erfüllt in Gemeinschaft mit ihm das, was dem ihm von Gott angewiesenen Platz als demütiger Diener und Retter Seines Volkes angemessen war. Hierauf tauft Ihn Johannes, und was geschieht? Der Himmel öffnet sich, der Heilige Geist steigt in Gestalt einer Taube auf Ihn hernieder, um „auf Ihm zu bleiben“, und eine Stimme aus den Himmeln ertönt: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe“. Nie vorher war etwas Ähnliches auf dieser Erde geschehen. Die Himmel öffnen sich über einen Gegenstand, der ihrer ganzen Aufmerksamkeit würdig ist, und der Mensch Jesus, der eben Seinen Platz unter den Bußfertigen Seines Volkes eingenommen hat, wird als Sohn Gottes, als der Gegenstand der Liebe und des Wohlgefallens Gottes anerkannt. Nicht Ihm wird ein Gegenstand im Himmel gezeigt, um Ihn dadurch für den vor Ihm liegenden verleugnungsvollen Pfad des Glaubens zu ermutigen und zu stärken, sondern Jesus selbst ist der Gegenstand der Bewunderung des Himmels und der Anerkennung seitens der Gläubigen hienieden. „Ich habe gesehen und habe bezeugt“, sagt Johannes, „dass dieser der Sohn Gottes ist“ (Joh 1,34).

 

 

Ein weiteres Beispiel: Jesus ist in der Wüste, und eine große, nach Tausenden zählende Menge ist um Ihn versammelt. Voll Mitgefühl und Erbarmen will Er sie nicht hungrig entlassen. Er benutzt die vorhandenen wenigen Brote und Fische, dankt Gott dafür, (wie es sich für einen gehorsamen, abhängigen Menschen geziemt) und – teilt aus als der Jehova, der die Armen Seines Volkes mit Brot sättigt. Bald nachher liegt Er, ermüdet durch den anstrengenden Dienst des Tages, an Bord des Schiflleins und schläft – welch ein sprechendes Bild von der Vollkommenheit Seiner Menschheit! Dann erhebt sich der Sturm, die verzagenden Jünger wecken den Meister, und – Er steht auf und gebietet in majestätischer Größe, wie einst am Roten Meere, dem Sturm und den Wellen, und sie gehorchen augenblicklich der Stimme ihres Schöpfers. Ein anderes Mal fordern die Einnehmer der Tempelsteuer von Ihm, dem Sohne des Königs, die Doppeldrachme. Er besitzt sie nicht, Er ist völlig arm, aber – Er sendet Petrus an den See und lässt durch einen Fisch das Geldstück bringen, dessen Er, der Gott des Tempels, bedarf, um den Menschen keinen Anlass zum Ärgernis zu geben. Bei einer anderen Gelegenheit sitzt Er müde, hungrig und durstig an dem Brunnen von Sichar und bittet ein armes Weib um einen Trunk Wasser, und gleich darauf sagt Er zu ihr: „Wenn du die Gabe Gottes kenntest und wer es ist, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken, so würdest du Ihn gebeten haben, und Er hätte dir lebendiges Wasser gegeben“. Und endlich: Als die Häscher kommen, um Ihn zu fangen, und Er sie fragt: „Wen suchet ihr?“ antworten sie: „Jesum, den Nazaräer“. Das war Sein Name als der demütige Zeuge Gottes hienieden, als der Allerverachtetste und Unwerteste. Anders kannten diese Leute Ihn nicht. „Jesus spricht zu ihnen: Ich bin‘s . . . Als Er nun zu ihnen sagte: Ich bin‘s, wichen sie zurück und fielen zu Boden“ (Joh 18,5+6). Warum dieses plötzliche Erschrecken und zu Boden Stürzen? Jehova, der Bundesgott Israels, der „Ich bin“ des Alten Testamentes, stand vor ihnen, und die bloße Erwähnung Seines Namens wirft die rohen Kriegsknechte zur Erde nieder. Jesus von Nazareth war der Jehova des Alten Bundes! Welch eine wunderbare Vereinigung von Gottheit und Menschheit in einer und derselben Person! Gott war gegenwärtig, zwar in Knechtsgestalt, aber deshalb nicht weniger Gott, der Herr des Himmels und der Erde.

 

 

Was sollen wir nun sagen, wenn angesichts dieser Tatsachen behauptet wird: „Das Leiden des Herrn in Gethsemane ist das Leiden eines Menschen, der „sterben“ muß und doch nicht sterben will, der aber keine Kraft hat über den Tod. Jesus ist im Begriff, dem Ansturm des Todes zu erliegen, und sieht nur eine einzige Aushilfe dagegen: das Eingreifen der göttlichen Allmacht. Ohne diese sinkt Er kraftlos unter den Bäumen des Gartens nieder, und wenn die Häscher kommen, Ihn zu fangen, finden sie Ihn tot?“ Ist dem Schreiber nie der Gedanke gekommen, dass er mit diesen Worten (gewiss ohne es zu wollen) nicht nur die Gottheit, sondern auch die sündlose Menschheit Christi leugnet? Freilich ist seine Auffassung nicht neu. Sie ist schon früher, wenn auch in etwas anderer Form, wiederholt ausgesprochen worden. Aber muss es das Herz nicht mit tiefem Schmerz erfüllen, wenn gläubige Männer, Knechte des Herrn Jesus, sie wieder aufgreifen, weiter entwickeln und als „einen Blick ins Heiligtum“, als „ein Licht“, das geeignet ist, „uns vorzubereiten für den Tag der Wiederkunft unseres Herrn“, einem weiten Leserkreise zugänglich machen?

 

 

Die angeführten Worte stehen in unmittelbarem Widerspruch zu der ganzen Lehre des Neuen und auch (soweit dieses davon redet) des Alten Testamentes über die Person Christi. Sie rütteln an den Grundlagen des Christentums, ja, sie stürzen sie um. Denn wenn es wahr ist, dass Jesus sterben mußte, dass Er in Gethsemane im Begriff war, dem Ansturm des Todes zu erliegen, dann war Er nicht der Fürst des Lebens, das Leben selbst, der nicht nur Leben in sich hatte, sondern Leben gab, die Quelle des Lebens war. War Jesus sterblich wie andere Menschen, d. h. dem Tode unterworfen, so konnte Er nicht Sein Leben freiwillig darlegen, als ein Opfer für uns. Er hätte als „Märtyrer“ sterben können, aber Sein Tod würde keine sühnende Kraft für uns gehabt haben. Aber Gott sei ewig dafür gepriesen! Es ist nicht so. Jesus selbst sagt: „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, auf dass ich es wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Gewalt es zu lassen, und habe Gewalt es wiederzunehmen“. (Joh 10,17.18). Kein Mensch hat je so reden können. Kein Geschöpf hat ein Recht, über sein Leben zu bestimmen, es abzulegen, wenn es will, oder gar es wieder an sich zu nehmen, wenn es ihm so gefällt. Niemand hat die Macht, das zu tun. Aber Jesus war nicht ein Geschöpf, sondern der Schöpfer selbst. Er hatte das göttliche Recht und die Gewalt, Sein Leben zu lassen und es wiederzunehmen. Er war völlig frei, das zu tun, obgleich Er andererseits ein dahin gehendes Gebot von Seinem Vater empfangen hatte, also im Gehorsam handelte, indem Er starb. Er war Sohn mit all den göttlichen Rechten, die sich an diesen Titel knüpfen, und doch lernte Er an dem, was Er litt, den Gehorsam.

 

Wie ist es nun möglich, einem solchen Ausspruch unseres Herrn gegenüber zu behaupten, Jesus habe keine Kraft dem Tode gegenüber gehabt, Er habe nicht sterben wollen, aber sterben müssen, wenn Gottes Allmacht nicht eingegriffen hätte? Und ferner: „Er habe nichts in sich gehabt, womit Er dem Tode überlegen gewesen wäre?“ Wiederum müssen wir fragen: Wo bleibt da der Christus des Wortes Gottes, der Jehova-Jesus, der Gott-Heiland? Er verschwindet vor unseren Blicken, und ein bloßer Mensch, ohnmächtig, kraftlos, ja, der Notwendigkeit des Sterbens unterworfen, tritt an Seine Stelle.

 

 

Wohl meint der Verfasser des Schriftchens: „Wenn wir den Heiland in Gethsemane dem Tode preisgegeben sehen, so macht Ihn das vor dem Auge des Glaubens nicht kleiner, sondern nur größer“. Aber ist das wahr? Erscheint der Sohn Gottes dadurch größer, dass man Ihn zu unserem Standpunkt herabzieht, „Ihn ohne jeden Vorzug vor unserer Schwachheit sieht?“ Nein, es ist ein Trugschluss, eine Herabwürdigung des Herrn, des Immanuel – „Gott mit uns“, eine Erniedrigung noch unter den ersten Menschen in seinem Zustand vor dem Falle. Denn Adam mußte nicht sterben, er war nicht dem Tode unterworfen. Es wird uns nicht einmal gesagt, dass er fähig war, zu sterben. Erst an dem Tage, da er sündigen würde, sollte er des Todes sterben. Darum lesen wir in Röm 5,12: „Gleichwie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen, und durch die Sünde der Tod, und also der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben“. Und in Röm 6,23: „Denn der Lohn der Sünde ist der Tod“.

 

 

Heißt es also nicht die sündlose Menschheit Christi, „des Heiligen“, das von Maria geboren wurde, leugnen, wenn man sagt, Er habe sterben müssen, der Tod habe Gewalt über Ihn gehabt? Ja, der Verfasser geht, im Anschluss an den Ausdruck „in den Tagen Seines Fleisches“ in Heb 5,7, sogar so weit, zu sagen: „Was bedeutet in Gottes Augen das Wort „Fleisch“? „Alles Fleisch ist Gras“. „Und das Wort ward Fleisch“. Wenn nun das Wort „Fleisch“ ward – ist da das Fleisch etwas anderes geworden, oder ist das Wort nicht so völlig Fleisch geworden, dass es auch unter diesem Gottesworte stand? Wo wird aber alles Fleisch als Gras offenbar? Beim Sterben, vor der Macht des Todes usw.“ Und einige Zeilen weiter: „Wir sehen, zu welchem tiefsten Maß der Schwachheit und Armut Er herabstieg, da Er Fleisch, d. h. Gras, wurde“.

 

 

Unwillkürlich erbebt das Herz, wenn es eine solche Sprache vernimmt. Sie ist nicht nur fehlerhaft, irrig und irreführend, sondern geradezu böse. Der Leser verzeihe das harte Urteil! Es würde nicht am Platze sein, wenn nicht die Ehre unseres teuren Herrn und die Wahrheit von Seiner Person in Frage ständen. Ist das aber der Fall, dann ist Ernst und unerbittliche Entschiedenheit gegenüber dem Irrtum unsere heilige Pflicht. Ich glaube, dass der Schreiber jener Sätze weit davon entfernt war, auch nur ein Wort zur Unehre unseres gemeinsamen Herrn und Heilandes schreiben zu wollen. Aber er hat – dieser Vorwurf kann ihm nicht erspart bleiben – den heiligen Boden nicht mit unbeschuhten Füßen, nicht mit der heiligen, ehrfurchtsvollen Scheu betreten, von der er selbst redet, und die sich für ihn und für uns alle geziemt. Anders würde er sicher vor solch schlimmen Schlussfolgerungen bewahrt geblieben sein.

 

 

„Das Wort ward Fleisch“. – „Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch Er gleicherweise an denselben teilgenommen“ (Heb 2,14). Was will das sagen? Christus hat die menschliche Natur angenommen. Er ist Mensch geworden in dem vollen Sinne des Wortes, nach Leib und Seele. Aber, wie wir schon weiter oben bemerkten, selbst in diesem Sinne war Er von Gott gezeugt. Die Kraft des Höchsten war die göttliche Quelle Seines Bestehens als Mensch auf dieser Erde. „Das Heilige, das geboren werden wird, wird Sohn Gottes genannt werden“. So wurde Jesus durch göttliche Kraft und durch die Einwirkung des Heiligen Geistes auf Maria, das begnadigte Gefäß, als „das Heilige“ geboren. Er war also, obwohl wahrhaft Mensch, nicht gleich dem ersten Adam vor dem Falle, denn Adam war unschuldig, Christus war heilig. Noch viel weniger kam Er in das Fleisch, das wir tragen, das durch und durch verderbt ist, dem die Sünde anhaftet, und das deshalb als „Gras“ dem Tode unterworfen ist. Er ist „im Fleische“ gekommen (1. Joh 4,2+3), ist „in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde“ hienieden erschienen (Röm 8,3), Er hat an Blut und Fleisch teilgenommen. Aber indem Er das tat, blieb Er völlig ohne Sünde, rein, heilig, den Folgen, welche die Sünde über uns gebracht hat, durchaus nicht unterworfen. Wäre Er aus irgend einem anderen Grunde, als der freiwilligen Hingabe Seiner selbst, dem Tode ausgesetzt gewesen, oder (mit anderen Worten) wäre Er infolge Seiner menschlichen Natur, des Zustandes von Fleisch und Blut, den Er angenommen hatte, in Gefahr gar gezwungen gewesen zu sterben, „den Tribut des Fleisches an den Machthaber Tod zu entrichten“, so würde das unfehlbar die Sündhaftigkeit dieses Fleisches, die Verbindung jener Natur mit der Sünde, bewiesen haben. Als unmittelbare Folge dieser Verbindung aber würde sich die Unmöglichkeit ergeben, dass Er Sein Leben freiwillig, als Sühnung für uns, aufopfern konnte. Die ganze Grundlage, auf der unser ewiges Heil beruht, wäre damit umgestürzt, die Wirksamkeit Seines Opfers aufgehoben, das ganze Erlösungswerk hinfällig. Wir wären noch in unseren Sünden, dem gerechten Gericht Gottes verfallen. Denn was verleiht diesem Werke und Opfer seinen ewigen Wert? Es ist gerade die fleckenlose, heilige, göttliche Person Dessen, der es vollbracht hat. Es ist Der, „dessen Ausgänge von der Urzeit sind, von den Tagen der Ewigkeit her“ (Micha 5,1), der da „eingesetzt war von Ewigkeit her, von Anbeginn, vor den Uranfängen der Erde“ (Spr 8,23), „der Christus, welcher über alles ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit“ (Röm 9,5). „Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, reinigt uns von aller Sünde“ (1. Joh 1,7).

 

 

Wie wenig Christus der Macht des Todes unterworfen war, das zeigt sich selbst am Kreuze. Nicht Satan, der die Macht des Todes hatte, nahm Ihm dort das Leben, Er erlag nicht dem Ansturm dieser finsteren Macht. Nein, Er gab Sein Leben freiwillig dahin. Als die schrecklichen Stunden der Finsternis, des Verlassenseins von Gott, vorüber waren, als Er ausrufen konnte: „Es ist vollbracht!“ danach rief er mit lauter Stimme und übergab Seinen Geist in die Hände des Vaters. Er starb nicht, wie ein gewöhnlicher Mensch stirbt, auch nicht wie ein Gläubiger stirbt. Er starb nicht, weil Er nicht mehr leben konnte, weil Er infolge Seiner Leiden und Seines körperlichen Zustandes sterben mußte, sondern in voller, ungeschwächter Kraft gab Er Sein Leben freiwillig dahin. Er ließ es, um es in der Herrlichkeit der Auferstehung wiederzunehmen. Pilatus selbst, der um das Sterben von Übeltätern am Kreuze Bescheid wusste, wunderte sich, dass Jesus schon gestorben sei, als Josef von Arimathia um den Leib Jesu bat, und er rief den Hauptmann herzu und fragte ihn, ob Er schon lange gestorben sei. Und als er es von dem Hauptmanne erfuhr, schenkte er Josef den Leib Jesu. Niemand, weder Mensch noch Teufel, nahm das Leben von Ihm.

 

 

Wohl ist es wahr, dass Er sterben mußte. Ein Doppeltes „muss“ lag vor, begründet einerseits in der Gerechtigkeit Gottes wider die Sünde und andererseits in der Liebe Gottes und Christi zu dem Sünder, aber eine physische Notwendigkeit des Sterbens war völlig ausgeschlossen. Zugleich erfüllte unser Herr in Seinem Tode ein Gebot des Vaters. Er war gehorsam bis zum Tode, ja, bis zum Tode am Kreuze.

 

 

Es ist so schön und herzerquickend, diesen beiden Beweggründen – Gehorsam und eigener freier Liebeswille – immer wieder in dem Tun Christi zu begegnen. Schon in der Unterredung, die vor Seinem Kommen auf diese Erde zwischen Ihm und dem Vater stattfand, zeigen sie sich in ihrer ganzen Lieblichkeit. Gott hatte kein Gefallen an Brand und Speisopfern, an Opfern für die Sünde, die nach dem Gesetz dargebracht wurden, sondern hatte sich schon vor Grundlegung der Welt ein Lamm ausersehen, das die Frage der Sünde ordnen sollte, und Christus sagt: „Siehe, ich komme, um deinen Willen, o Gott, zu tun“. Er kam in der Erfüllung des Gebotes und Willens Gottes, aber Er kam freiwillig. Gott bereitete Ihm einen Leib; aber zugleich nahm Er Knechtsgestalt an, nahm freiwillig teil an Fleisch und Blut. Es war Gottes Wille, dass Er den Pfad der Niedrigkeit gehen sollte, und doch

„erniedrigte Er sich selbst, indem Er gehorsam ward bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuze“. Es war nach Gottes Gedanken, dass Sein Gesalbter bei Seinem ersten Erscheinen keine An- und Aufnahme finden sollte, und doch verzichtete Er freiwillig, aus Gnaden, auf alle Seine Rechte als Messias und König Israels. Es war Gottes Ratschluss und Gebot, dass Er sterben sollte für die Sünde der Welt, aber zugleich ließ Er Sein Leben. Niemand nahm es von Ihm. Es war der Ratschluss der ewigen Liebe, dass er von Mörderhänden ans Kreuz genagelt und als Lamm Gottes geschlachtet werden sollte, und doch gab Er als das Lamm Sein Leben freiwillig dahin. Jehova gefiel es, Ihn zu zerschlagen, Er hat Ihn leiden lassen, und doch hat Seine Seele das Schuldopfer gestellt, und die Missetaten der Seinen hat Er auf sich geladen. Und als das Werk vollbracht und Sein Leib in das Grab gelegt war, ist Er auferweckt worden durch die Herrlichkeit des Vaters. Zugleich aber ist Er als Sieger über Tod und Grab auferstanden in der Kraft des in Ihm wohnenden Lebens und in der ganzen Machtfülle Seiner göttlichen Person. Und endlich, bei Seiner Himmelfahrt, wurde Er emporgehoben. indem eine Wolke Ihn hinweg nahm. Aber zugleich ist Er hinaufgestiegen und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe.

 

 

Doch wir müssen es uns versagen, diesen Gegenstand, so gesegnet er ist, noch weiter zu verfolgen. Gehen wir jetzt zu der Betrachtung des Kampfes in Gethsemane selbst über, und Gott, der Heilige Geist, wolle uns dabei leiten und vor allen eigenen Gedanken, vor jedem Irregehen in Gnaden bewahren!

 

 

    

Was ist Gethsemane?

 

„Vater, wenn du diesen Kelch von mir wegnehmen willst – doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!“ ( Lk 22,42).

Nur die drei ersten Evangelisten berichten den heißen Kampf unseres Herrn in der Nacht vor Seinem öffentlichen Leiden und seinem Tode. Johannes schweigt völlig darüber, in Übereinstimmung mit dem Charakter seines Evangeliums. Die Schilderung der menschlichen Schwachheit unseres hochgelobten Herrn wäre in dem Buche, das Ihn vornehmlich als den Sohn Gottes darstellt, nicht am Platze gewesen. Dort musste Seine göttliche Macht, wie sie sich den Häschern gegenüber zeigt, ans Licht treten, und damit auch Seine Erhabenheit über Schwachheit und Leiden, wie sie sich z. B. nachher am Kreuze in Seiner Unterredung mit Maria und Johannes kundgibt.

 

 

Aber auch unter den Berichten von Matthäus, Markus und Lukas ist ein Unterschied zu bemerken. Während die beiden ersten den ganzen Vorgang, das dreimalige Beten des Heilandes, Sein Hin- und Hergehen zwischen der Stätte Seines Ringens und den schlafenden Jüngern usw. ausführlich erzählen, verweilt Lukas eigentlich nur bei dem Ende der Stunde der Versuchung, dem Höhepunkt des furchtbaren Seelenkampfes Jesu. Aber eben deshalb ist sein Bericht, obwohl kürzer, doch vollständiger, tiefer in das Wesen der Sache eingehend. Auch schildert Lukas – denn es ist der Sohn des Menschen, den er unter der Leitung des Heiligen Geistes vor unsere Blicke stellt – mehr als die anderen Evangelisten die tiefe menschliche Schwachheit und vollkommene Abhängigkeit des Herrn: Er ist in ringendem Kampfe5, sein Schweiß fällt wie große Blutstropfen zur Erde, und ein Engel vom Himmel kommt und stärkt ihn.

 

 

Doch was ist Gethsemane? Was bedeutet jener ergreifende Vorgang, dieses einsame Ringen und Kämpfen des Heilandes in stiller Nacht, dies sich bis zu heftigem, inbrünstigem Flehen und starkem Geschrei steigernde Beten des Sohnes Gottes? Was rief diese tiefe Angst und Not in Seiner heiligen Seele hervor? Es war einerseits die Feindschaft des Menschen wider Gott, und andererseits die Macht Satans im Tode – jene schreckliche, finstere Macht, die Satan besaß infolge der Sünde, welche den Tod als gerechten Sold von Seiten Gottes eingeführt hat und Gottes Zorn über den Sündenträger bringen musste. Die Stunde des Menschen war gekommen, und die Macht der Finsternis offenbarte sich mit allen ihren Schrecken. Satan, der im Beginn des Weges Jesu „für eine Zeit“ von Ihm gewichen war, kehrte an Seinem Ende zurück, um Ihn auf eine andere, noch weit ernstere Weise zu versuchen

 

 

5 Es ist bereits von anderer, berufener Seite darauf hingewiesen worden, dass der griechische Ausdruck (genomenos en agonia), den Luther durch: „und es kam, dass Er mit dem Tode rang“, verdeutscht hat, gar nicht diesen Sinn hat. Das Wort „agonia“ bezeichnete zur Zeit der Abfassung des Evangeliums einen heftigen, ringenden Kampf, eine tiefe innere Angst, nicht aber den Todeskampf eines Sterbenden, den Beginn der Auflösung. „Damit aber ist dieser Auffassung des Leidens Christi und allen weiteren daraus sich ergebenden Schilderungen und Folgerungen die letzte Stütze entzogen“. (vgl. D. Dr. Cremer, Gethsemane. Ein Beitrag zum Verständnis der Geschichte Jesu usw.) – Welche Bedeutung; man dem Worte „Agonie“ in späterer Zeit beigelegt hat, kann hier nicht in Betracht kommen.

 

 

als damals. Wir erblicken in Gethsemane den Mann der Schmerzen, der das, was ihm bevorstand, in seiner ganzen Tiefe fühlte, all die Leiden und Schrecken, die das Ende Seines Weges umgaben, betrachtete und ausmaß, aber mit Gott, Seinem Vater, durch die Stunde der Versuchung ging und keinen Augenblick wankte; dessen Gehorsam bis aufs Äußerste erprobt wurde, der aber selbst in dieser schrecklichen Stunde bewies, dass es sein einziges Begehren war, den Willen des Vaters zu tun.

 

 

Die Leiden des Herrn Jesus in den letzten Tagen Seines Lebens lassen sich von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachten. Er litt 1. durch die Anstrengungen Satans, indem Er als Mensch mit ihm, der die Macht des Todes hatte, in den Kampf treten musste, dies aber tat in Gemeinschaft mit dem Vater – das ist Gethsemane. Er litt 2. von Seiten Gottes, indem er für uns in den Riss trat, das Sühnungswerk vollbrachte und als unser Stellvertreter den Kelch des Zornes Gottes trank, den der Vater Ihm gegeben hatte, – das ist das Kreuz, oder genauer das Verlassensein von Gott, die Stunden der Finsternis, am Kreuze.

 

 

Jesus war gekommen, um sich in Gnaden zu uns zu gesellen und an allen unseren Mühsalen teilzunehmen. Durch den Geist geleitet, ließ er sich deshalb auch versuchen. Anfänglich (in der Wüste) versuchte Satan Ihn durch Dinge, die dem Menschen angenehm sind und ihn verleiten können, seinem eigenen Willen zu folgen und, indem er das tut, zu sündigen. Diese Dinge waren: das Bedürfnis zu essen, dann die Welt und ihre Herrlichkeit, und endlich die Erlangung der göttlichen Verheißungen außerhalb des Weges des Gehorsams und im Misstrauen Gott und Seiner Treue gegenüber. Der erste Mensch war der Versuchung erlegen, aber Jesus, der zweite Mensch, bewahrte Seine Vollkommenheit, und es gelang Satan nicht, Ihn von dem Pfade, der dem Menschen Gottes geziemt, abzubringen. „Der Starke“ wurde vielmehr gebunden, und Jesus kehrte in der Kraft des Geistes aus der Wüste zurück, um dem Starken „seinen Hausrat zu rauben“. „Er ging umher, wohltuend und heilend alle, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit Ihm“ (Apg 10,38). Er war der siegreiche Mensch. Da wo der erste Mensch zusammengebrochen war, hatte er einen vollständigen Sieg errungen. Vor ihm verschwanden alle Wirkungen der Macht Satans: Die unreinen Geister gehorchten seinem Worte, und selbst der Tod war Ihm untertan.

 

 

Aber ach! Alles das veränderte das Herz des Menschen nicht. Er war und blieb in der Gesinnung seines Fleisches in Feindschaft gegen Gott. Sollte er erlöst werden, so musste der Tod eintreten. Der Mensch musste in einen ganz neuen Zustand eingeführt, mit Gott versöhnt werden. Der Gerechtigkeit Gottes musste Genüge geschehen. Die Rechte, die Satan an den Menschen besaß infolge der Sünde, durch die auf Grund des göttlichen Gerichts der Tod gekommen war, mussten vernichtet werden. Gottes gerechtes Gericht über alles, was feindlich gegen Ihn stand, musste in Ausübung kommen. So musste denn die ganze Feindschaft des Menschen wider Gott, ferner die Angst des Todes, betrachtet als Satans Macht und als das Gericht Gottes, die ganze Machtentfaltung Satans, um die Ratschlüsse Gottes zu durchkreuzen, und endlich der Zorn Gottes (in dessen Ertragen, wie schon bemerkt, das Sühnungswerk vollendet wurde) sich auf Jesum vereinigen, und sie haben sich auf Ihn vereinigt. Aber das Lamm Gottes hat sich willig allem unterzogen und Seinen Mund nicht aufgetan vor Seinen Feinden. Welch ein schreckliches Zeugnis dafür, dass die Stunde des Menschen und der Erfüllung seines Willens tatsächlich nichts anderes ist als die Macht der Finsternis! Gottes Stunde in Gerechtigkeit gegenüber dem Menschen dagegen ist der gerechte Zorn, der über Jesum das Verlassensein bringt und am Ende alle die von Gottes Gegenwart ausschließen wird, die in Feindschaft wider ihn stehen.

 

O, welch ein bewunderungswürdiger Beweis des unendlichen göttlichen Erbarmens, dass Christus in Gnaden solches für uns geschmeckt, dass Gott ihn dahingegeben hat, damit wir dem Gericht entrinnen möchten, ja, dass Christus all die genannten Dinge geschmeckt hat, indem er sich eben zu diesem Zweck ohne Flecken Gott opferte! Äußerlich betrachtet, führten die Macht Satans und die Bosheit des Menschen Christum zum Tode und zum Trinken des Kelches des Zornes Gottes. (Tatsächlich ruht ja auch auf dem Menschen die Schuld der Ermordung des Sohnes Gottes, wenngleich niemand imstande war, Ihm das Leben zu nehmen, wie Petrus zu den Juden sagt: „ihr habt Ihn umgebracht“, und Stephanus: „dessen Verräter und Mörder ihr geworden seid“). Aber Christus in seiner Vollkommenheit wusste diese beiden Teile des Leidens völlig voneinander zu trennen und das schreckliche Leiden seitens der Macht Satans im Tode in eine Offenbarung Seines vollkommenen Gehorsams gegen Gott, Seinen Vater, umzuwandeln, weil er mit Gott durch jene ernste Stunde der Versuchung ging und keinen Augenblick in sie hineinkam als in eine Versuchung, die das Aufwachen eines eigenen Willens zum Ergebnis hätte haben können.

 

 

Das also ist Gethsemane. Es ist nicht der Kelch selbst, diesen trank Jesus auf dem Kreuze, sondern die Offenbarung der ganzen Macht Satans im Tode und der Feindschaft des Menschen, der sich sozusagen an Gott rächen wollte – „die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen“; und zwar wird beides vollkommen von Jesu gefühlt, aber zugleich in völliger Abhängigkeit, in gänzlicher Beugung unter den Willen Gottes, zum Vater gebracht. Es ist Christus, wachend, betend, ja, in heißem Kampfe ringend, indem die ganze Macht und das Gewicht des Todes durch Satan auf seine Seele gelegt werden. Diese Macht und dieses Gewicht wurden unendlich vermehrt durch das Gefühl, das Jesus, diese heilige, göttliche Person, von ihnen hatte, denn er wusste, er ermaß vollkommen, was sie vor dem Gott waren, dessen Angesicht Ihm damals noch nicht verhüllt war. Aber er stellte seinen Vater unverrückt vor sich, indem Er alles mit des Vaters Willen in Verbindung brachte, auf diesen sich bezog, ohne einen Augenblick wankend zu werden oder jenem Willen dadurch zu entrinnen zu suchen, dass er einem eigenen Willen nachgegeben hätte. So nahm er nichts aus der Hand Satans an, sondern alles aus der Hand Gottes. Sobald er völlig versichert ist, dass es der Wille des Vaters für ihn war, den Kelch zu trinken, ist alles für ihn entschieden. „Den Kelch, den mir der Vater gegeben hat, soll ich den nicht trinken?“ (Joh 18,11). Es war jetzt alles eine Sache zwischen ihm und seinem Vater. Sein Gehorsam ist ruhig und vollkommen. Welch ein unaussprechlicher Sieg! In erhabener Ruhe kann Jesus unmittelbar darauf Seinen Feinden entgegengehen und sich ruhig von ihnen binden lassen. Er hat die Kosten in der Gegenwart Gottes völlig überschlagen. Der Kampf ist vorüber, und er nimmt alles aus der Hand seines Vaters. Die Hohenpriester, Pilatus, Herodes, das Volk, die Kriegsknechte – sie alle müssen dieses wunderbare, ergreifende Bild des Lammes Gottes sehen, das still und geduldig in göttlicher Ruhe, in Gemeinschaft mit dem Vater, der Schlachtbank zuschreitet.

 

 

Satan war jetzt ein besiegter, ohnmächtiger Feind. Und die Menschen? Entweder waren sie für den Herrn nur Werkzeuge zur Ausführung des Willens Gottes, oder durch Seine Gnade Erlöste. Sehen wir nur, was sich ereignet, wenn die Häscher kommen. Jesus tritt ihnen entgegen, und wenn er ihnen sagt, wer er ist, fallen sie zu Boden. Er hätte jetzt, wie so oft bei früheren Gelegenheiten, als „seine Stunde noch nicht gekommen war“, ruhig weggehen können. Wer hätte die Hand an Ihn zu legen vermocht? Aber er bietet sich seinen Feinden freiwillig dar, um so sein Werk zu vollbringen, und dann erlaubt er denen, die keine Kraft hatten, sich selbst zu schützen, in Sicherheit wegzugehen. Ach! sie waren nicht fähig, in jenem schrecklichen Augenblick standzuhalten, als es sich entscheiden musste, ob das Gute oder das Böse triumphieren solle, und als die Gerechtigkeit Gottes wider die Sünde der Macht des Todes ihre ganze Kraft lieh und das schreckliche Tun der Menschen, der freiwilligen Sklaven dessen, der die Macht des Todes besaß, dem Geliebten Gottes umso schmerzlicher fühlbar machte. Doch die vollkommene Liebe errang den Sieg, indem Christus als Mensch sich dem Gericht über die Sünde unterwarf, wodurch nunmehr die Gerechtigkeit im Ausschütten der reichsten, jener Liebe entsprechenden Segnungen triumphieren kann. Für alle, die durch Jesum Gott nahen, ist die Sühnung der Sünde jetzt geschehen und die Macht Satans und des Todes für immer vernichtet.

 

 

Welch ein gewaltiger Wechsel trat also mit Gethsemane in der Lage unseres Herrn und Heilandes ein! Bis dahin hatte Er durch Seine göttliche Macht für alle Bedürfnisse Seiner Jünger gesorgt, obwohl er selbst für seinen täglichen Lebensunterhalt anscheinend abhängig gewesen war von einigen Frauen oder von anderen Personen, deren besonderes Vorrecht es war, ihm mit ihrer Habe zu dienen (vgl. Lk 8,3). Aber jetzt sollte er verworfen werden, und zwar von dem Volke, das Er so unaussprechlich liebte, zu dessen Heil er gekommen war. Alle Bemühungen seiner Liebe und Gnade schienen vergeblich gewesen zu sein. „Umsonst habe ich mich abgemüht“, so hören wir ihn klagen, „vergeblich und für nichts meine Kraft verzehrt“ (Jes 49,4). Die Entscheidungsstunde nahte heran. Die Dinge, die ihn betrafen, sollten ihre Vollendung finden nach der Tiefe der Ratschlüsse Gottes. Er sollte der ganzen Wut und Bosheit derer ausgesetzt werden, die sagten: „Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten. Er ist Israels König; so steige er jetzt vom Kreuze herab, und wir wollen an ihn glauben“ (Mt 27,42).

 

 

Es war noch nicht, wie schon weiter oben gesagt wurde, das eigentliche Trinken des Kelches. Das geschah erst auf dem Kreuze. Denn der Kelch, um dessen Vorübergehen er bittet, war nicht das Leiden in Gethsemane, so schrecklich dies war, waren nicht bange Zweifel und Ungewissheit bezüglich des Ausganges,6 aber noch viel weniger „der Eintritt des wirklichen Todes, das Sterben dort unter den Bäumen Gethsemanes, das Fortschreiten des Todeskampfes bis zum Aushauchen der Seele“. Wie völlig unmöglich, ja, wie böse und schriftwidrig diese letzte Annahme ist, haben wir in dem ersten Teil unserer Betrachtung gesehen. Nein, der Kelch, vor dem dem Herrn so bangte, vor dem er so zitterte und bebte, war der Kelch des Zornes Gottes wider die Sünde. Dieser Kelch war es, der dem

 

 

6 Denn das würde heißen, Unglaube und Misstrauen hätten Seine Seele erfüllt, Sein Auge verdunkelt, Sein Herz umnachtet und Seine Gemeinschaft mit dem Vater, wenn auch nur für kurze Zeit, unterbrochen. Er wäre nicht mehr der Vollkommene, der da sagen konnte: „Ich habe Jehova stets vor mich gestellt; weil Er zu meinen Rechten ist, werde ich nicht wanken“ (Ps 16,8). Oder: „Beharrlich habe ich auf Jehova geharrt, und Er hat sich zu mir geneigt und mein Schreien gehört“ (Ps 40,1). Wohl war für Ihn der Gedanke an den scheinbaren Misserfolg all Seiner Bemühungen der Liebe tiefschmerzlich, ein bitterer Wermutstropfen in dem Kelch Seiner Leiden (vgl. die oben angeführte Stelle aus Jes 49). Aber wenn Er davon redet und die Gefühle Seines Herzens dem Vater vorstellt, fügt Er sogleich hinzu: „Doch mein Recht ist bei Jehova und mein Lohn bei meinem Gott“; und: „Ich bin geehrt in den Augen Jehovas, und mein Gott ist meine Stärke geworden“. Niemals hat Sein Vertrauen auch nur für einen Augenblick gewankt. Wenn Johannes der Täufer an Ihm irre wird, wenn Jesus sogar über die Städte Chorazin und Betshsaida und über Kapernaum, „Seine eigene Stadt“, Sein „Wehe“ ausrufen muss, wenn endlich ganz Israel beweist, dass es den ernsten und liebevollen Mahnungen Gottes gegenüber gefühllos und feindselig bleibt, wenn man Johannes den Täufer einen „Besessenen“' und den Sohn des Menschen einen „Fresser und Weinsäufer“ schilt, – erhebt Er Sein Auge nach oben und spricht: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dieses vor Weisen und Verständigen verborgen hast, und hast es Unmündigen geoffenbart. Ja, Vater, denn also war es wohlgefällig vor dir“ (Mt 11). Ja, selbst auf dem Kreuze, in der furchtbaren, unbeschreiblichen Seelenqual des Verlassenseins von Gott, blieb Sein Vertrauen unerschüttert. Er schrieb Gott nichts Ungereimtes zu. Dem Rufe: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ folgt unmittelbar:

„Doch du bist heilig, der du wohnst unter den Lobgesängen Israels‘ (Ps 22,1. 3).

 

 

 

vor ihm stehenden Leiden und Sterben einen solch furchtbaren, erschreckenden Charakter verlieh. Neben dem Ertragen der Feindschaft und Ungerechtigkeit der Menschen und der Bosheit Satans galt es, den Kelch des Zornes Gottes zu trinken.

 

 

Auf seinem ganzen Erdenwege hatte der Herr inmitten der Leiden, die ihm von Seiten der Menschen bereitet wurden, Seine Freude daran gefunden, den Willen seines Vaters zu tun. Er hatte für Gott gelitten, und das war süß, köstlich für ihn gewesen. Aber in dem Kelch, der jetzt vor seiner Seele stand, gab es nur tiefe, unvermischte Bitterkeit. Er war gefüllt mit dem Zorne Gottes. Darum bittet er:

„Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber“. Darum schüttet er seine heilige Seele „mit starkem Geschrei und Tränen“ vor Gott aus. Wie wäre es möglich gewesen, dass der reine, heilige Mensch, dessen Seele in unausgesetzter, ungetrübter Verbindung und Gemeinschaft mit Gott gestanden hatte und stand, der die Liebe Gottes vollkommen kannte und ungehindert genoss, der sie allein wahrhaft zu schätzen wusste, der zugleich auch die Heiligkeit Gottes und deren Anforderungen in ihrer ganzen Größe und Ausdehnung ermessen konnte, der die Sünde hasste mit vollkommenem Hasse, dessen Wonne es war, in dem Lichte des heiligen Antlitzes Gottes zu stehen und zu wandeln, der deshalb auch allein fähig war, die ganze Schrecklichkeit der Sünde und des Zornes Gottes wider die Sünde zu verstehen – wie wäre es möglich gewesen, dass ein solcher Mensch den Willen hätte haben können, von Gott verlassen zu werden? Im Gegenteil, seine vollkommene Menschheit zeigte sich gerade darin, dass er bittet und immer heftiger und dringender bittet, der Vater möge diesen Kelch an ihm vorübergehen lassen. Alles was in ihm war, bebte vor diesem Kelche, vor den schrecklichen Stunden des Verlassenseins von Gott zurück.

 

 

Der Gedanke an die vor ihm liegende Begegnung mit dem heiligen Gott, als Träger unserer Sünden, ja als das zur Sünde gemachte Opfer auf dem Altar Gottes, erfüllte seine Seele mit einer Betrübnis „bis zum Tode“ und ließ ihn „sehr bestürzt und beängstigt werden“. Die Gewissheit, dass die Wogen und Wellen des göttlichen Zornes über seinem Haupte zusammenschlagen mussten, presste ihm jenen Angstschweiß aus, der wie große Blutstropfen zur Erde fiel.

 

 

Satan, der die Macht des Todes besaß, war es, der dem Heiland in jener Stunde alles das vor die Seele stellte. Gerade durch das Bewusstsein, dass er, der Fürst des Lebens, in den Staub des Todes gelegt, dass er, der die Heiligkeit selbst war, am Kreuze zur Sünde gemacht werden müsse, suchte Satan Angst und Schrecken in seiner Seele wachzurufen und ihn auf dem Wege des Gehorsams und der Erfüllung der Ratschlüsse Gottes zum Stillstehen und Wanken zu bringen. Es war die Stunde der Versuchung, in welcher der Feind den Herrn zu überwältigen trachtete durch den Hinweis auf all die Umstände, vor denen die menschliche Natur als solche zurückbeben musste. Jesus befand sich in einer ähnlichen Lage wie ein Mensch angesichts des Todes, wenn Satan seine ganze Macht darin entfaltet. Nur war er dort in Seiner Vollkommenheit, auf das Äußerste erprobt, aber vollkommen. Er ging durch diese schreckliche Stunde, aber er kam nicht in die Versuchung hinein, in dem Sinne, als habe sie auch nur für einen Augenblick Gewalt über ihn gewonnen. Er wachte und betete, er wandte sich mit Tränen und heißem Flehen zu Dem, der ihn aus dem Tode zu erretten vermochte, und nahm dann alles im Gehorsam aus der Hand des Vaters. Im Blick auf die Umstände und alles das, was die heilige Seele unseres geliebten Herrn niederbeugte, waren Satan und die unter seiner Leitung stehenden Menschen alles. Hinsichtlich des Zustandes seiner Seele waren sie nichts. Da war der Vater alles. Aus Gehorsam gegen ihn nimmt er den Kelch in Frieden. In dem Trinken desselben gab sich jetzt, anstatt der Macht des Feindes, nur vollkommener Gehorsam kund.

 

 

Doch wie ist das Gebet des Herrn: „Nicht mein Wille, sondern der Deine geschehe“, mit der Tatsache in Einklang zu bringen, dass es von jeher der Wille des Herrn war, das Werk der Erlösung zu vollbringen? Liegt darin nicht ein unlöslicher Widerspruch? Nur scheinbar, und nur dann, wenn man das Geheimnis der Person Christi aus dem Auge verliert, wenn man vergisst, dass das Menschliche in ihm wirklich menschlich und das Göttliche wirklich göttlich war. In dem vorhergehenden Abschnitt findet sich ja eigentlich schon die Antwort auf diese Frage. Indes mag es gut sein, noch einen Augenblick dabei zu verweilen.

 

 

Christus war sich dessen völlig bewusst, was geschehen sollte, was vor ihm lag. Er wusste sehr wohl, dass es keine andere Möglichkeit gab, das Werk, das er zu tun gekommen war, zu vollbringen, als nur dadurch, dass er den Kelch des Zornes Gottes trank. Aber vor diesem Kelche, vor dem Leiden und Sterben um der Sünde willen, graute ihm, bebte er zurück. Eine Art Vorspiel dieses Kampfes erblicken wir schon in Joh 12. Dort wird der Herr durch das Kommen der Griechen daran erinnert, dass die Verherrlichung des Sohnes des Menschen nur stattfinden konnte auf Grund seines Todes. Das Weizenkorn musste in die Erde fallen und sterben. Der Ausblick auf diesen Tod, die finsteren Schatten, die das Kreuz schon auf Seinen Weg vorauswarf, veranlassen ihn zu dem Rufe: „Vater, rette mich aus dieser Stunde!“ Seine Seele war bestürzt, und diese Bestürzung machte sich in jenen Worten unwillkürlich Luft. Aber unmittelbar darauf folgt der Ausdruck Seiner Bereitwilligkeit, alles für die Verherrlichung des Vaters zu erdulden: „Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen!“

 

 

Dasselbe, nur in unendlich verstärktem Maße, finden wir in Gethsemane. Die „Stunde“ war jetzt ganz nahe gekommen, und die Frage galt: Wird der Sohn des Menschen in die Versuchung hineingehen, das will sagen, wird er einem eigenen Willen Raum geben und folgen, indem er wünscht, dem Tode und dem Kelch des Zornes Gottes, des Gerichts über die Sünde, zu entrinnen? Oder wird er, anstatt sich selbst zu schonen, in dieser Stunde nur einen Anlass zum Gehorsam finden? Für ihn war ja Gehorchen, so schrecklich die Leiden sein mochten, die Freude, der Odem seiner Seele. Das Gericht Gottes nicht fürchten, wäre Gefühllosigkeit gewesen. Ihm entrinnen wollen, hätte geheißen, dem Willen des Vaters ausweichen, diesen Willen nicht tun und somit auch das Werk der Erlösung, in welchem Gott sich völlig als Licht und Liebe offenbaren sollte, unerfüllt lassen. Christus geht durch diesen Kampf in völliger Unterwürfigkeit unter den Willen Gottes. Was wir in diesem Augenblick bei ihm, als Mensch betrachtet, sehen, ist Schwachheit, vollkommene menschliche Schwachheit, aber gerade in dieser Schwachheit besteht die wahre Kraft. Er betet, und zwar mit dem Ausdruck der tiefsten Abhängigkeit: Er fällt auf Sein Angesicht. Dann erscheint, nach dem Bericht des Evangelisten Lukas, ein Engel aus dem Himmel und stärkt Ihn. Worin diese Stärkung bestand, welcher Natur sie war, steht uns nicht zu, zu erörtern. Gott sagt es uns nicht, und wir haben deshalb kein Recht, Behauptungen darüber aufzustellen. Der Vorgang selbst ist so einfach und natürlich wie möglich. Jesus war ein Mensch, voll und ganz ein Mensch, der in schwerem Kampfe der Stärkung von oben bedurfte, und diese wird Ihm zuteil. Lasst uns dabei stehen bleiben und nicht über die Grenze hinausgehen wollen, die Gott uns gesteckt hat. Wäre Jesus nicht vollkommen, wahrhaftig Mensch gewesen, ein Mensch, der in allem versucht worden ist wie wir, ausgenommen die Sünde, so hätte die Befreiung des Menschen aus Satans Macht und aus den Banden des Todes und der Sünde nicht zur Wirklichkeit werden können.

 

 

Je mehr das Böse, mit dem der Herr zu tun haben sollte, in seiner ganzen Schrecklichkeit vor seine Seele tritt, je näher und eindringlicher er den Kelch betrachtet, den er trinken sollte, desto größer wird der Druck, desto tiefer die Angst. Aber dieser ringende Kampf, dieses überwältigende Ergriffensein, diese unsagbare Not des Herzens, deren höchste Steigerung sich in dem Schweiß kundgibt, der wie große Blutstropfen zur Erde fällt, drückt sich nur in einem umso heftigeren Beten und Flehen aus. Seine Seele klammert sich umso fester an Gott, und nachdem er durch das Tal des Todesschattens völlig hindurchgegangen ist und den Ansturm der Macht Satans überstanden hat, erhebt er sich siegreich und völlig bereit, den Kelch zu trinken, den Sein Vater Ihm geben will. „Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht an mir vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille“. Fortan hören wir nichts mehr von Kämpfen, Wachen und Beten. Alles ist ruhige, willige, ergebene Unterwerfung unter den Willen Gottes. Eine vollkommene Stille kennzeichnet das Kreuz, eine Stille der Finsternis zwar, in die das Auge des Menschen nicht einzudringen vermag, aber eine Stille zugleich, die zeigt, dass die Unterwerfung vollkommen ist.

 

 

Es ist bemerkenswert, dass die Verse 43 und 44 in Lk 22 in mehreren alten Handschriften fehlen. Die Ursache liegt auf der Hand. Die Abschreiber haben gemeint, die Stelle gehe zu weit, sie mache Christum zu sehr zu einem Menschen. Aber gerade dieser Umstand verleiht den Versen ihren wahren Wert. Wir haben schon wiederholt darauf hingewiesen, dass Christus in dem Evangelium des Lukas vornehmlich in Seinem Charakter als Mensch betrachtet wird. In keinem anderen Evangelium finden wir den Herrn so oft im Gebet wie hier. So wurde ihm, nach Seiner Taufe durch Johannes, der Himmel aufgetan, als Er betete (Kap. 3, 21). Gelegentlich bei seiner Verklärung auf dem heiligen Berge lesen wir: „Und indem er betete, wurde das Aussehen seines Angesichts anders usw.“ (Kap. 9, 29; vgl. auch V. 18). Auch vor der Erwählung Seiner zwölf Jünger verharrte er eine ganze Nacht im Gebet (Kap. 6, 12). So tritt denn auch in dem Bericht des Lukas über Gethsemane dieser Charakter des Herrn ganz besonders hervor. Es ist Christus, geoffenbart in der ganzen Schwachheit der menschlichen Natur, dem Ansturm des Feindes und allen Schrecken jener Stunde ausgesetzt, aber zugleich jene wunderbare, göttliche Pe