Wahre Bruderliebe

Wir wissen, dass wir aus dem Tode in das Leben gekommen sind; denn wir lieben die Brüder. - 1. Joh. 3, 14

 

Hat deine Bekehrung zum Herrn und hat dein Glaube an die Gnade in Christus die Frucht zur Folge gehabt, dass du eine neue, innige Liebe zu den Kindern Gottes erhalten hast, nicht nur zu einem Christen, der dir vielleicht etwas Gutes tat oder dich zu schätzen weiß oder der eine natürliche Liebenswürdigkeit besitzt, die dich einnimmt, sondern überhaupt zu allen denen, die du Jesus lieben oder suchen siehst, so dass diese nun dein neues Geschlecht, deine Geschwister sind? Diese Tatsache allein beweist viel mehr als die herrlichsten Werke, dass eine Neugeburt aus dem Geiste Gottes in deiner Seele vor sich gegangen ist. Es scheint dir vielleicht nicht, dass du ein Kind Gottes sein könntest, da dein Christentum dir gar zu mangelhaft vorkommt; aber alle diese Mängel und dieses dein Meinen bedeuten nichts gegen Christi Worte von diesem Zeichen.

 

Bist du hingegen wohl aus deinem alten Sündenschlaf erwacht und hast dich auch von deinen Irrwegen zum Wege der Gottesfurcht, zum Worte Gottes, zum Gebet und zur Buße bekehrt, willst du mit anderen suchenden Seelen aber nichts zu tun haben, sondern gedeihst am besten für dich allein — wie du sagst: „mit Gott und dem Worte“ —, so scheint dies gewiss sehr wacker und geistlich, aber es streitet ganz gegen das Hauptmerkmal der Gnade Gottes, und damit ist deine Bekehrung fürwahr falsch und selbstgemacht. Wäre deine Bekehrung ein wahres Werk des Geistes, dann hätte sie auch „die Liebe zu den Brüdern“; dann würdest du über dich selber so niedergeschlagen sein, dass du andere suchende Mitmenschen für besser als dich ansähest.

 

Wäre das Blut des Lammes dein einziger Trost und Ruhm geworden, wärest du in „der engen Pforte“ gewesen, wo sowohl deine Sünde als auch deine Gerechtigkeit durch das Blut des Sohnes Gottes vernichtet worden sind, und wäre dein Herz durch die überfließende Gnade recht selig gemacht worden — kurz: Lebtest du in der Bekehrung, in der du abnähmest und Christus zunähme, dann würdest du in dieser großen und für alle gemeinschaftlichen Gabe mit allen Miterben so zusammenschmelzen, dass du fürwahr „ein Herz und eine Seele“ mit ihnen würdest, wie es die ersten Christen waren.

 

Hören wir aber weiter: Hast du auch einige Brüder, die dir darum gefallen, weil sie in einer gewissen wichtigen Frage mit dir einig sind, ist es aber nicht die Neugeburt aus Gott, ist es nicht die große Gnade in Christus, die euch vereinigt, dann ist dieses nicht die rechte, auszeichnende Liebe. Denn Johannes sagt ausdrücklich: „Wer da liebt den, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von Ihm geboren ist“, womit er zu verstehen gibt, dass die rechte Liebe zu den Brüdern ihren Blick darauf gerichtet hat, dass sie von Gott geboren sind und gerade darum auch geliebt werden, wie er hinzufügt: „Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und Seine Gebote halten“, d.h. wenn wir sie um des gemeinsamen lieben Vaters willen lieben. Wer diesen Umstand nicht beachtet, muss sich gewiss betrügen wollen — und wird auch betrogen werden!

 

Wie herrlich hingegen, wenn du dir bewusst bist, dass du die Brüder gerade wegen des Gnadenwerkes in ihrem Herzen liebst — ja, wenn deiner armen, elenden Bekehrung dennoch gleichsam von selbst diese Frucht gefolgt ist, dass alle Gläubigen dein neues Geschlecht, deine neuen geliebten Brüder geworden sind, die dir so liebenswürdig erscheinen, dass dich oft dünkt, nur du seiest ihrer Liebe unwürdig. O welch ein seliger Zustand! Wohl kannst du einen gewissen Bruder haben, den du am meisten liebst, wie ja auch Jesus vorzugsweise Johannes liebte; bei allen aber, die den Heiland suchen und lieben, wird sich immer etwas finden, was sie dir so köstlich macht, dass sie alle deine Brüder sind und dass ihr Wohl und Wehe dein eigenes ist. Mit der „allgemeinen Liebe“ kannst du wünschen, wenn es möglich wäre, allen Menschen zu dem höchsten Gut zu verhelfen, das du kennst; mit der „brüderlichen Liebe“ aber bist du in einer besonderen Weise mit denen vereinigt, die mit dem Heiland in Vereinigung stehen.

 

Sieh, eine solche Liebe beweist: Wie übel es auch sonst mit deinem Christentum aussehen mag, so ist Christus doch dein Leben, und bei all deinen Mängeln wohnt Christi Geist doch in deinem Herzen. Obwohl die Liebe vom Geiste in unsern Herzen geboren ist und aus unserer Vereinigung mit dem Heiland wächst, bedarf sie doch, wie alle Geistesfrüchte, wohl gepflegt und bewahrt zu werden. Daher alle Ermahnungen und Aufforderungen der Schrift zur Liebe!

 

Wie diese Liebe aber eine so bezeichnende Frucht des wahren Lebens in Christus ist, so ist sie auch stets von diesem Leben abhängig. Solange ich in gesunder Übung der Buße und des Glaubens stehe, liebe ich auch die Brüder. Wenn aber ein irdischer Sinn bei einem Christen überhandzunehmen anfängt, so dass er nicht mehr in täglicher Übung der Sündenerkenntnis und des Umfassens der Gnade lebt, dann fängt er auch sogleich an, kalt gegen die Brüder zu werden und statt der in ihnen wohnenden Gnade mehr ihre Fehler zu sehen.

 

Des Marterlammes Fleisch und Blut,

Am Kreuzaltar dahingegeben,

Das hier und bis ins ew’ge Leben

Unendlich große Wunder tut:

Das ist’s, was uns zusammenbind’t;

Das kann zu solcher Lieb entflammen,

Dass Seine Gläubigen zusammen

Ein Herz und eine Seele sind.

 

 

Aus ‘‘Tägliches Seelenbrot‘‘ von Carl Olaf Rosenius

(herausgegeben von LUTH. MISSIONSVEREIN SCHLESWIG-HOLSTEIN E.V. http://www.rosenius.de)