C.O. Rosenius - Andacht aus "Tägliches Seelenbrot"

Wahre Bekehrung

 

Die Sünde, auf dass sie recht als Sünde erscheine, hat sie mir durch das Gute den Tod gewirkt, auf dass die Sünde würde überaus sündig durchs Gebot. - Röm. 7, 13

 

Das rechte und durchgreifende Werk der wahren Bekehrung und des Gesetzes ist so notwendig, dass ohne dasselbe alles geistliche Bestreben vergebens, aller Glaube, alle Gottesfurcht, ja Christus und Sein Verdienst für die Seele fruchtlos sind. Wer nur seine Tatsünden, seine Sünden in Gedanken, Worten und Werken kennt, nur auf diese blickt, mit diesen arbeitet und streitet und nicht durch die Forderungen des Gesetzes in die tiefe Erkenntnis des unreinen Sündenschlamms der Natur geführt wird und dort in Not gerät, der macht eine oberflächliche Heuchlerbekehrung durch. Er bekehrt sich wohl, aber nur von einem freieren Weltwesen zu seiner eigenen Frömmigkeit und wird ein Pharisäer.

 

Ebenso ergeht es dem, der auch die Bosheit der Natur, des Herzens Verderben und Unreinheit kennt, aber nur zur Wachsamkeit, zum Gebet, zum Streite, zur Entsagung, zur Gottesfurcht flieht und nicht an allem verzweifelt, sondern auf Sieg hofft und immer wieder hofft, und darauf sein Auge, seinen Trost und seine Zuversicht gerichtet hat. Kommt er nicht, während es noch übel mit ihm bestellt ist, während er noch nicht den beabsichtigten Sieg gewonnen hat, sondern noch in seinem Elend darniederliegt, zu Christus, zur Gnade, zum Trost und zur Seligkeit, so wird er nie ein rechter Christ, sondern entweder ein betrogener Werkheiliger, der Trost in seiner Bekehrung und Gottesfurcht erhalten hat, oder aber ein ermüdeter Sklave, der alles aufgibt, in seine Sorglosigkeit zurückfällt und in Verzweiflung und Verdammnis endet.

 

Wir reden jetzt nicht von denen, die vorsätzlich gewissen Schoßsünden huldigen können, sondern von denen, die wirklich durch die enge Pforte einzugehen suchen, es aber nicht können. Der Fehler bei allen diesen ist der, dass sie sich nie sagen lassen — oder es wird ihnen nie recht gesagt —, was die rechte Bekehrung ist, was das rechte Werk des Gesetzes und dessen eigentliche Absicht ist. Ach dass sie auf das ewige Wort des Herrn achtgeben wollten! Höre denn! Die Schrift sagt ausdrücklich: „Das Gesetz aber ist nebeneingekommen, auf dass die Sünde mächtiger würde. Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger geworden“ (Röm. 5, 20).

 

Und diese seine natürliche Wirkung muss das Gesetz unbedingt in deinem Herzen ausüben, sofern die Bekehrung wahr werden soll. Du sollst durch Forderungen und Gebote nicht fromm und heilig werden — nein, das sollst du durch einen anderen werden, der mit dem Geiste und mit Feuer tauft —, sondern du sollst durchs Gesetz „schuldig“, „sündig“, „überaus sündig“ werden. Es hilft nichts anderes, wenn du jemals lernen willst, Christus recht zu einem neuen Leben in deinem Herzen anzunehmen.

 

„Wenn ein Gesetz gegeben wäre, das da lebendig machen könnte, so käme die Gerechtigkeit wahrhaftig aus dem Gesetz“, und „so ist Christus vergeblich gestorben“. Das Gesetz richtet gewiss auch sein rechtes Werk aus, wenn es wirklich ins Herz hineinkommt. Hält es sich aber nur lose auf der Oberfläche, dann kannst du sehr fromm, nämlich in Werken und in der Einbildung sein und ein Pharisäer werden. Das war Paulus auch, bevor „das Gebot kam“, bevor die geistlichen Forderungen des Gesetzes auf sein Herz eindrangen.

 

Das sind auch viele Religiöse heutzutage, die das Gesetz in der Weise und in der Meinung treiben, als ob man dadurch wirklich frömmer und besser werden könnte, wenn man es nur ernstlicher angriffe, und sie behaupten, dass man daran nicht verzweifeln, sondern fortfahren solle zu kämpfen, zu beten und zu hoffen. Aber die rechte Bekehrung geht tiefer, sie erregt die Bosheit des Herzens und macht nicht je länger, desto besser, sondern „sündig, überaus sündig durchs Gebot“, so dass ich mit allem, was ich mir vornehme, zuschanden werde, mit mir und meiner Bekehrung wirklich unzufrieden bin und also keinen Trost in mir erhalte.

 

Beachte! Als Christus mit Seinem Lehramte anfing, war es Sein erstes Unternehmen, die geistlichen Forderungen des Gesetzes für so hoch zu erklären, dass kein Mensch sie erfüllen konnte. Sieh Matth. 5, 20–48! Und als ein Mann das erfüllt zu haben meinte, was das Gesetz forderte, da war Christus nicht damit zufrieden, sondern beeilte sich, ihm ein Gebot zu geben, das ihm zu schwer sein würde. „Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen.“ Er verhalf dem Manne nicht zum Troste in seiner Frömmigkeit. Wenn darum jemand sagt, er wolle sich bekehren, fromm und heilig werden, dann muss man zu ihm sagen: „Ja, wenn du nur zuerst ein Sünder und gottlos würdest, d.h., könntest du nur zuerst dein tiefes Elend schauen und erkennen lernen, welch ein verlorenes, von Grund auf verderbtes und gottloses Geschöpf du bist, dann könntest du nachher in Wahrheit an den glauben, der „die Gottlosen gerecht macht“ (Röm. 4, 5), und dann könntest du fromm und heilig werden.“

 

Wenn einer auch im Glanze des Lichts

Sich sieht und sieht, er tauge nichts,

Und geht und greift die Sache an,

Will eher Gut’s tun, als er kann,

Und müht sich selber viel und mancherlei,

 

Der lernet nie, was ein Erlöser sei.

 

Aus ‘‘Tägliches Seelenbrot‘‘ Andacht zum 06. Januar  von Carl Olaf Rosenius

(herausgegeben von LUTH. MISSIONSVEREIN SCHLESWIG-HOLSTEIN E.V. http://www.rosenius.de)