Otto Stockmayer

Wiedergeburt oder Mißgeburt?

 

Als die da wiedergeboren sind, nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da ewiglich bleibt - 1. Petrus 1,23

 

Wie kommt es doch, dass man oft kaum unterscheiden kann zwischen einem Wiedergeborenen und einem von Natur edel angelegten Menschen, deren es, Gott sei Dank, noch welche gibt? Es bleiben viele Kinder Gottes in ihrer Entwicklung hinter noch nicht Wiedergeborenen zurück, die aus verhältnismäßig edlem Samen gezeugt, von ihren Eltern eine gute Erziehung genossen und sich nicht mit allen möglichen Lastern befleckt haben.

 

Es gibt edle und gemeine, schmutzige Naturen. Bei letzteren dringt der Same des Wortes Gottes natürlich schwerer durch, und wenn ihnen nicht der göttliche Same in seiner ganzen Reinheit geboten wird, so bleiben sie leicht in ihrer Entwicklung und Umbildung stecken. Wiedergeboren sind sie ja, aber es ist eine Art Mißgeburt, es bleibt irgend etwas auf dem Gebiet des Denkens, Handelns und Liebens, das nicht vom göttlichen Samen durchdrungen ist; man stößt immer wieder auf Dinge, die nicht gerichtet worden sind. Solche Mißgeburten laufen zu Tausenden und aber Tausenden in der Welt herum, und es lohnt sich wohl der Mühe, einen Augenblick bei solchen Fragen stillzustehen.

 

Wenn ein Weib ein wenig Sauerteig in den Teig mischt, so wird der ganze Teig durchsäuert. Und meint ihr, Gott ruhe, solange irgendein Gebiet unseres Lebens noch nicht von diesem unverweslichen Samen des Wortes Gottes beherrscht ist? Da redet man leichthin von Bekehrung und Wiedergeburt und bleibt unterwegs stecken, bringt es nur zu einer teilweisen Entwicklung, anstatt sich gründlich umbilden zu lassen und zum Mannesalter in Christus heranzuwachsen. Und wenn man einmal in ernster Stunde einem anderen das Herz ausschüttet und ihn um Rat und Hilfe bittet, bekommt man in den meisten Fällen die Antwort: "Ja, lieber Freund, mir geht es auch nicht anders; ich bin auch nicht weiter."

 

Es müssen bei einem Wiedergeborenen alle Bewegungen des inneren und äußeren Lebens in Haus, Familie, Ausgang und Eingang, in Blicken und Gebärden, Eindrücken und Stimmungen auf Geistesboden unter die Herrschaft des Geistes kommen - heraus aus dem Bereich des Verweslichen, des Fleisches, der Sinnlichkeit, der Selbstbespiegelung, Selbstgefälligkeit und Eitelkeit - , sonst bleibt die neue Geburt etwas Schattenhaftes, Unreelles, und die Welt findet sich in uns nicht zurecht.

 

Wir sind durch und durch Kinder der Verweslichkeit und des Verderbens gewesen, gänzlich durchfressen von der Eitelkeit, die wir von unseren Vätern ererbt und mit in die Welt gebracht haben; aber wir sind mit einem unverweslichen Preis losgekauft worden, mit dem Herrn Jesus selbst, der ins innere Heiligtum eingegangen ist und als unsterblicher Hoherpriester dort einsteht für uns, die wir durch eine unverwesliche Macht, den unverweslichen Samen des Wortes Gottes, wiedergeboren sind. Weil aus dem unvergänglichen Samen des Wortes Gottes gezeugt, haben wir nun unvergängliches Leben in uns, ein ganz neues Leben, das uns zu dem Unverweslichen führt. Durch das lebendige Wort Gottes hängen wir eng mit Christus zusammen, der selbst das Wort ist.

 

 aus "Die Gnade ist erschienen" von Otto Stockmayer, 15. September